Berührend menschlich sind seine Darstellungen von Heiligen. Die Gemäldegalerie bietet mit vier großen Altären des italienischen Meisters einen spannenden Einblick in das Werk eines der bedeutendsten Malers der Renaissance.
Correggio
Der einst so gefeierte Künstler: wenig ist über ihn bekannt.

1489
Correggio wird als Antonio Allegri, in Correggio geboren.
Correggio in Dresden
1534
Er stirbt in seiner Heimatstadt.
Correggios Altäre
Correggios Altäre verbinden Andacht, menschliche Nähe und malerische Kühnheit. Sie sind keine statischen Kultbilder, sondern emotionale Bühnen. Figuren wenden sich einander zu, Hände berühren, Blicke führen den Betrachter in das Bild hinein. Licht ist dabei nicht bloß Beleuchtung, sondern Träger theologischer Bedeutung.
Als Gruppe zeigen die vier heute in Dresden bewahrten Altäre eine Entwicklung von der noch deutlich geordneten Sacra Conversazione der frühen Jahre zu einer Malerei, die das Altarbild als Ereignisraum versteht. Correggio übernimmt zunächst vertraute Formen der norditalienischen Hochrenaissance: den thronenden Madonnentypus, die Heiligenversammlung, die architektonische Rahmung und die klare Lesbarkeit der Figuren. Doch er verändert diese Tradition grundlegend, indem er Blickachsen, Körperbewegungen, Lichtquellen und emotionale Reaktionen so miteinander verschränkt, dass der Betrachter nicht mehr nur vor einem Kultbild steht, sondern in eine Handlung einbezogen wird.
Eine heilige Unterhaltung
Das früheste dokumentierte große Altarbild ist die „Madonna des heiligen Franziskus“ von 1514/15, ursprünglich für das Franziskanerkloster in Correggio geschaffen und heute in Dresden. Das Werk zeigt bereits Correggios Fähigkeit, eine traditionelle Sacra Conversazione in ein lebendiges Beziehungsgefüge zu verwandeln. Der Thron der Madonna, die Heiligen und die Engel bilden keine bloße Hierarchie, sondern eine atmende Gemeinschaft.
Correggio erhält Aufträge für Fresken... Er reist.
Dynamik
In der „Madonna des heiligen Sebastian“ von etwa 1524, für eine Bruderschaft in Modena gemalt, steigert Correggio die affektive Nähe. Der heilige Sebastian, der Pestheilige, erscheint nicht nur als Märtyrer, sondern als Vermittler einer existenziellen Bitte um Schutz. Die Komposition ist von einer weichen Bewegung durchzogen; Wolken, Gewänder und Körper scheinen miteinander zu schwingen. Die Dresdner Restaurierungsforschung hat gezeigt, wie komplex und empfindlich die hölzerne Tafel und die Malschichten sind.
Die „Madonna des heiligen Sebastian“ markiert einen entscheidenden Schritt. Die Madonna erscheint nicht mehr einfach thronend, sondern als Lichtgestalt in Wolken, über einer bewegten Gruppe von Heiligen: Sebastian, Geminianus und Rochus. Der heilige Geminianus, der den Betrachter ansieht und nach oben weist, übernimmt eine Schlüsselrolle. Er ist eine Vermittlungsfigur im Sinne der klassischen Bildtheorie: Er lädt den Betrachter zur Teilnahme ein und macht aus dem Altarbild ein kommunikatives Geschehen. Die Pestheiligen Sebastian und Rochus verankern das Bild zugleich in einer konkreten religiösen und sozialen Situation: dem Bedürfnis nach Schutz vor Krankheit und Tod.
Vorbilder für dieses sakrale Leuchtlicht lassen sich in der niederländischen Malerei finden, etwa bei Hugo van der Goes oder Geertgen tot Sint Jans, deren Nachtgeburten das Wunder der Geburt durch ungewöhnliche Lichtwirkungen steigern. Correggio übernimmt diese Tradition jedoch nicht als nordisches Detailinteresse, sondern verbindet sie mit italienischer Monumentalität, warmer Farbigkeit und bewegter Körperregie. Die Ruinenarchitektur, die Hirten, die Engel und die Landschaft bilden keinen bloßen Hintergrund; sie sind auf den Lichtpunkt des Kindes hin organisiert. Das Bild wurde deshalb für die spätere Malerei außerordentlich wichtig: Es bereitet jene dramatische Lichttheologie vor, die im Barock, bei Künstlern von den Carracci bis zu Rubens und später in der Lichtregie des 17. Jahrhunderts, eine zentrale Rolle spielen sollte.
Es werde Licht
Die „Heilige Nacht“ oder „Anbetung der Hirten“ um 1528/30 gehört zu den berühmtesten Altarbildern Europas. Ihr Zentrum ist das Licht, das vom Christuskind ausgeht. Diese Lichtquelle modelliert Gesichter, Hände und Stoffe und macht die Inkarnation sichtbar: Gott erscheint nicht als abstrakte Macht, sondern als leuchtendes Kind. Das Bild wurde im 18. Jahrhundert in Dresden als „die berühmte Nacht von Correggio“ gefeiert.
Die „Heilige Nacht“ radikalisiert die Rolle des Lichts. Während frühere Weihnachtsdarstellungen die Anbetung der Hirten oft mit einer äußeren Lichtquelle, einer Lampe oder einem allgemeinen Nachthimmel verbanden, lässt Correggio das Licht aus dem Kind selbst hervorgehen. Damit wird die theologische Aussage der Inkarnation malerisch erfahrbar: Das göttliche Licht ist nicht Symbol neben der Handlung, sondern Ursprung des Bildraumes. Maria, die Hirten und die Magd reagieren unterschiedlich auf dieses Licht — mit Hingabe, Staunen, Bewegung oder geblendeter Abwehr. Die Figuren sind also nicht nur Zuschauer der Geburt, sondern physiologisch und seelisch vom Ereignis ergriffen.
Correggio experimentiert weiter... Manierismus und Barock.
Opulenz
Die „Madonna des heiligen Georg“ aus den späten 1520er Jahren zeigt Correggios reifen Altarstil: feierliche Architektur, bewegte Heilige, warme Farbigkeit und ein malerischer Raum, der sich nicht mehr allein nach den Regeln der linearen Perspektive ordnet, sondern nach Rhythmus, Licht und seelischer Spannung. Diese Altäre machen deutlich, warum Correggio für spätere Jahrhunderte als Meister des „affetto“, der bewegten Empfindung, galt.
Die „Madonna des heiligen Georg“ zeigt den reifen Correggio als Meister einer zugleich festlichen und bewegten Altarinszenierung. Die Madonna erscheint unter einem blumigen Baldachin; um sie gruppieren sich Heilige, Putti, Waffen, Attribute und architektonische Elemente. Der heilige Georg steht nicht als isolierter Triumphator da, sondern wird in ein lebendiges Spiel aus Blicken, Gesten und kindlicher Bewegung eingebunden. Putti halten Helm und Schwert, der Drache ist zum Attribut herabgestuft, die Heiligen werden nicht als starre Exempla, sondern als Teilnehmer einer heiligen Versammlung gezeigt.
Das Werk nimmt sichtbar Bezug auf Andrea Mantegnas „Madonna della Vittoria“, vor allem im Motiv des Laub- oder Blütenbaldachins und in der festlichen Rahmung der Madonna. Doch Correggio löst Mantegnas strenge, reliefhafte Feierlichkeit in eine weichere, bewegtere und lichtdurchflutete Bildordnung auf. Die Architektur wird nicht mehr als harte Bühne verstanden, sondern als Resonanzraum. Dadurch entsteht eine neue Form des Altars: repräsentativ genug für eine Bruderschaft, zugleich aber so lebendig, dass die Grenze zwischen heiliger Versammlung und Betrachterraum durchlässig wird.
Von Mantua nach Dresden
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