Bei Correggio ist das Licht nicht nur Mittel zum Zweck, sondern wird zum zentralen Ereignis seiner Malerei. Er übernimmt vom Mittelalter die Vorstellung des Lichts als Zeichen göttlicher Gegenwart, von der Renaissance die Erforschung von Körper, Raum und Wahrnehmung, und er kündigt dem Barock die Macht des Lichts als dramatische Inszenierung an. 

In der mittelalterlichen Malerei war Licht häufig weniger ein physikalisches Phänomen als ein Zeichen des Heiligen. Der Goldgrund byzantinischer Ikonen und gotischer Altäre verweigerte die Illusion eines natürlichen Raums: Er war kein Himmel im meteorologischen Sinn, sondern ein überzeitlicher Glanz. Heiligkeit erschien als unirdische Oberfläche, als Metall, das Licht reflektiert und dadurch den Betrachter in eine liturgische Sphäre zieht. Licht bedeutete hier Nähe zu Gott, nicht Tageszeit. 

Mit der Frührenaissance veränderte sich diese Ordnung. Maler wie Giotto, Masaccio oder Fra Angelico begannen, Licht stärker an Körper, Architektur und Raum zu binden. Schatten modellierten Volumen, Figuren erhielten Gewicht, Räume wurden betretbar. Die Renaissance entdeckte das Licht als Werkzeug der Erkenntnis: Es machte die Welt messbar, glaubwürdig und menschlich. Später verfeinerten Leonardo da Vinci und die venezianische Malerei diese Mittel. Das Helldunkel, das chiaroscuro, entwickelte sich zu einer zentralen Technik, um Körper plastisch und seelisch lebendig erscheinen zu lassen. 

  

„Die heilige Nacht“: Das Kind als Sonne der Welt 

Correggios Die heilige Nacht, auch Anbetung der Hirten oder La Notte genannt, entstand zwischen 1522 und 1530 für die Kapelle der Familie Pratoneri in San Prospero in Reggio Emilia und befindet sich heute in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden.  

Das Entscheidende ist die Lichtquelle. Nicht eine Fackel, nicht der Mond, nicht ein himmlischer Strahl von außen erhellt die Szene, sondern das Kind selbst. Der Leib Christi wird zur Quelle eines warmen, gelblichen Glanzes, der Marias Gesicht streift, die Hirten anzieht und zugleich blendet. Eine Magd hebt die Hand vor die Augen: Diese kleine Geste macht sichtbar, dass das Wunder nicht nur geglaubt, sondern körperlich erfahren wird. Das Heilige ist nicht fern; es trifft auf Netzhaut, Haut und Atem. 

Das Lich ist einerseits göttlich: Es erinnert an apokryphe und liturgische Traditionen, in denen die Geburt Christi die Nacht überstrahlt. Andererseits ist es ganz natürlich: Es modelliert Gesichter, Hände, Tiere, Wolken und Stoffe. Der Glaube wird nicht als abstrakte Idee gezeigt, sondern als optische Erfahrung.  

 

Fresken in Parma: Wenn der Himmel die Kuppel sprengt / Wenn der Himmel durch die Decke geht 

Was in der Heiligen Nacht im intimen Maßstab geschieht, entfaltet Correggio in seinen Fresken als räumliches Ereignis. In der Kirche San Giovanni Evangelista in Parma malte er um 1520 bis 1522 die Vision des heiligen Johannes auf Patmos. Die Kuppel wird dort nicht als massive architektonische Grenze behandelt, sondern als Öffnung: Wolkenringe, Apostel und ein herabkommender Christus erzeugen eine Bewegung von oben nach unten, während der Blick des Betrachters nach oben gezogen wird. Licht erscheint als Durchbruch eines jenseitigen Raums. 

Noch kühner ist die Kuppel des Doms von Parma mit der Himmelfahrt Mariens, vollendet um 1530. Hier verwandelt Correggio die Kirchenkuppel in einen Wirbel aus Wolken, Körpern, Gewändern und Licht. Die Apostel stehen am Rand der gemalten Architektur, während Maria von einer bewegten Engelsmasse in die Höhe getragen wird. Die gemalte Fläche scheint sich aufzulösen; die Kuppel wird zum Himmelsraum. Die Technik des di sotto in su, also der extremen Untersicht, lässt Figuren in den Raum des Betrachters hineinragen und zugleich in unendliche Höhe entschwinden. 

Das Licht organisiert die Bewegung, trennt und verbindet Irdisches und Himmlisches, führt den Blick empor und wird Teil einer religiösen Dramaturgie.  

  

  

  

Zwischen Renaissance und Barock 

Gerade deshalb wurde Correggio für spätere Künstler so wichtig. Seine Kuppelmalereien bereiteten die illusionistischen Decken des Barock vor, in denen Architektur scheinbar verschwindet und sich der Himmel über dem Betrachter öffnet. Seine Behandlung nächtlicher Beleuchtung wirkte auf Maler, die das göttliche oder dramatische Licht als Motor der Komposition einsetzten. Doch anders als Caravaggio sucht Correggio selten den harten Schnitt. Sein Licht bricht nicht brutal ein; es wächst, schimmert, atmet. Es ist Verführung statt Schlag, Offenbarung statt Verhör.