Restaurierung Correggio podege
Erste Berichte über Schäden 1584
Öl auf Pappelholz, 5 senkrechte Bretter, die sich verformt haben, die Fugen bereits bei der Herstellung mit Leinwandstreifen überklebt.
War das ein Herstellungsfehler? Im Prinzip nicht, das gab es historisch häufig.
Konvex verwölbt, Tagentialbrett, kein Kernholz, entgegen die Jahrringe verwölbt.
Rückseitig Gratleisten, dann Balken aus Eisenholz aufgeleimt und Eisenrahmen aufgenagelt.
1968er Jahre neue Lösungen: Parkettsystem, offene Fugen ausgesetzt. 1970 letzter großer Eingriff.
Heute:
Im Mittelpunkt steht der Bildträger; seit 70er Jahren keine neuen Risse in Malschicht, Tafel ist zur Ruhe gekommen.
Vergilbt, verdunkelt, Fehlstellen.
Röntgenfluoriszenzpunktanalysen zur Feststellung von Pigmenten
Correggios Altar in Dresden: Die Wiedergeburt eines Renaissance-Meisterwerks
In der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden vollzieht sich seit einigen Jahren ein selten sichtbarer Prozess: Ein bedeutendes Altarbild der italienischen Renaissance wird nicht nur bewahrt, sondern Schritt für Schritt neu lesbar gemacht. Im Mittelpunkt steht Correggios Madonna des heiligen Sebastian, ein um 1524 entstandenes großformatiges Werk auf Pappelholz. Die Restaurierung gilt als eines der wichtigsten konservatorischen Projekte der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und verbindet kunsttechnologische Forschung, handwerkliche Präzision und öffentliche Vermittlung.
Ein Altarbild mit bewegter Geschichte
Antonio Allegri, genannt Correggio, arbeitete vor allem in Parma, Modena und Umgebung. Seine Kunst wurde berühmt für weiche Übergänge zwischen Licht und Schatten, für körperlich lebendige Figuren und für eine ungewöhnlich menschliche Darstellung religiöser Themen. Die Dresdner Gemäldegalerie besitzt mit vier großen Altartafeln den weltweit bedeutendsten Bestand an Correggio-Altären außerhalb Italiens. Dazu gehören die berühmte Heilige Nacht, die Madonna des heiligen Franziskus, die Madonna des heiligen Georg und die Madonna des heiligen Sebastian.
Die Madonna des heiligen Sebastian entstand um 1524 für die Bruderschaft des heiligen Sebastian in Modena. 1746 gelangte sie zusammen mit weiteren Werken aus der herzoglichen Galerie in Modena nach Dresden. Schon früh war ihr Zustand problematisch: Bereits im 16. Jahrhundert wurde von Schäden berichtet. Über Jahrhunderte kamen Eingriffe, Übermalungen, Retuschen und stark vergilbte Firnisse hinzu. Besonders auffällig war zuletzt die wellenartige Oberfläche des Bildträgers, die mit der Konstruktion der Holztafel zusammenhängt.
Warum die Restaurierung notwendig wurde
Das Problem lag nicht allein an verschmutzten Oberflächen. Die Holztafel selbst hatte sich im Lauf der Zeit verformt. Konvexe Verwölbungen führten vor allem entlang der Fugen zu Spannungen, Lockerungen und Verlusten in der Farbschicht. Hinzu kamen alte Restaurierungen, die zwar einst zur Stabilisierung gedacht waren, heute aber die ursprüngliche Malerei verdeckten oder farblich verfälschten. Die einst leuchtenden Inkarnate, Gewänder, Wolken und Glorien waren nur noch eingeschränkt wahrnehmbar.
Ziel des Projekts ist deshalb zweifach: Einerseits muss der empfindliche Holzbildträger dauerhaft gesichert werden. Andererseits sollen Correggios Farbigkeit, Detailreichtum und malerische Feinheit wieder deutlicher hervortreten. Die Restaurierung ist keine Rückkehr zu einem hypothetisch perfekten Ursprungszustand. Sie ist vielmehr eine kontrollierte Annäherung an die ursprüngliche Wirkung des Werks, bei der jede Maßnahme dokumentiert, geprüft und reversibel gedacht wird.
Forschung vor dem Pinselstrich
Bevor Restauratorinnen und Restauratoren in die Malschicht eingreifen, wird das Werk systematisch untersucht. Strahlendiagnostische und mikrochemische Analysen helfen, Aufbau, Material und frühere Eingriffe zu verstehen. Solche Untersuchungen zeigen, welche Farbschichten original sind, welche Ergänzungen später entstanden und wo die Substanz besonders gefährdet ist. Erst auf dieser Grundlage können Reinigungen, Festigungen und Freilegungen verantwortungsvoll geplant werden.
Eine Besonderheit des Dresdner Projekts ist das gläserne Schau-Atelier in der Gemäldegalerie. Besucherinnen und Besucher können dort beobachten, wie langsam und präzise Restaurierung tatsächlich verläuft. Das macht sichtbar, dass Restaurieren kein spektakuläres „Vorher-nachher“-Verfahren ist, sondern ein forschender, oft mikroskopisch genauer Prozess. Gerade dadurch wird das Museum selbst zu einem Ort der Wissensvermittlung: Die Öffentlichkeit sieht nicht nur das fertige Meisterwerk, sondern auch die Arbeit, die seine Zukunft sichert.
Correggios Malerei wird wieder lesbar
Correggios Stärke liegt in der Verbindung von Licht, Bewegung und Gefühl. Seine Figuren wirken nicht statisch, sondern körperlich präsent; das Heilige erscheint bei ihm nicht fern, sondern berührend nah. Gerade diese Qualitäten waren durch Vergilbungen, alte Retuschen und Oberflächenschäden geschwächt. Wenn verdeckte Farbtöne, feinere Modellierungen und räumliche Übergänge wieder sichtbar werden, verändert sich auch die Deutung des Bildes: Die Komposition gewinnt an Tiefe, die Figuren treten stärker miteinander in Beziehung, und das Licht erhält wieder seine erzählerische Funktion.
Die Restaurierung ist damit mehr als eine technische Rettung. Sie eröffnet einen neuen Blick auf Correggios Kunst. Sie zeigt, warum der Maler in der Renaissance und im Barock so einflussreich war und weshalb seine Werke später Künstler wie Parmigianino, Rubens oder Mengs beschäftigten. Dresden kann durch dieses Projekt einen Teil der europäischen Kunstgeschichte neu präsentieren.
Ein Dresdner Ereignis mit internationaler Ausstrahlung
Nach Abschluss der Restaurierung wird die Madonna des heiligen Sebastian eine zentrale Rolle in der Ausstellung Correggio. Berührend menschlich spielen, die vom 19. September 2026 bis zum 10. Januar 2027 in der Gemäldegalerie Alte Meister im Dresdner Zwinger geplant ist. Die Schau wird als erste umfassende Correggio-Retrospektive außerhalb Italiens angekündigt und bringt die Dresdner Bestände mit bedeutenden internationalen Leihgaben zusammen.
Für Dresden ist das Projekt besonders bedeutsam. Die Stadt besitzt nicht nur einzelne Hauptwerke Correggios, sondern einen außergewöhnlichen Zusammenhang seiner Altarbilder. Die Restaurierung macht diesen Schatz erneut sichtbar und stärkt zugleich das Profil der Gemäldegalerie als Ort, an dem Sammlung, Forschung und Öffentlichkeit eng miteinander verbunden sind.
Fazit: Bewahren heißt verstehen
Die Restaurierung von Correggios Madonna des heiligen Sebastian zeigt, wie lebendig alte Kunst sein kann, wenn sie sorgfältig erforscht und verantwortungsvoll behandelt wird. Was auf den ersten Blick wie die Pflege eines historischen Objekts wirkt, ist in Wahrheit ein komplexer Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Das Dresdner Projekt bewahrt nicht nur ein fragiles Altarbild, sondern macht auch verständlich, warum Correggios Malerei über Jahrhunderte hinweg fasziniert hat: weil sie das Göttliche in menschlicher Nähe zeigt und Licht in Gefühl verwandelt.
Quellen und weiterführende Informationen
- Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Forschungskanal: Correggios rinascita. Die Restaurierung der „Madonna des heiligen Sebastian“.
- Gemäldegalerie Alte Meister, SKD: Ausstellung Berührend menschlich, Laufzeit 19.09.2026–10.01.2027.
- Schoof’sche Stiftung: Projektinformationen zur kunsttechnologischen Untersuchung und Restaurierung der Madonna des heiligen Sebastian.
- de: Informationen zur Ausstellung Correggio in Dresden.