Holbein in Dresden
Holbein in der Gemäldegalerie...
Von Augsburg nach London
Porträt Hans Holbein d.J., unbekannter Künstler, 1862. Rijksmuseum Amsterdam, RP-P-2021-5125.
Thomas Godsalve (1481-1542) und sein Sohn Sir John (etwa 1510-1556), 1528. Öl auf Holz, Gemäldegalerie Alte Meister.
Das kleine Doppelporträt entstand während Holbeins erstem Englandaufenthalt 1526–28. Es zeigt den aus Norwich stammenden Notar Thomas Godsalve mit seinem dicht hinter ihm sitzenden Sohn John. Beide folgen aufmerksam einem Geschehen außerhalb des Bildes. Durch die Haltung der Köpfe und ihre Blicke scheint sich der Jüngere noch dem Älteren und Erfahrenen nachzuordnen. Später gelang Sir John Godsalve eine erfolgreiche Karriere am englischen Hof.
Charles de Solier, Sieur de Morette (1480–1552), um 1534. Öl auf Holz, Gemäldegalerie Alte Meister.
Hans Holbein d. J., Kreidezeichnung, um 1534, Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen Dresden.
Vom Meisterwerk zur Kopie
Holbein erhielt den Auftrag für ein Marienbild...
Bartholomäus Sarburgh (um 1590- um 1650), Kopie nach Holbein, um 1635/37, Gemäldegalerie Alte Meister.
Hans Holbein d.J., 1526, Sammlung Würth, Johanniterkirche, Schwäbisch Hall.
Der Holbeinstreit
Am 4. September 1743 kaufte der italienische Kunstagent Francesco Graf Algarotti (1712–1764) in Venedig von Zuan Dolfin für 1.000 Golddukaten die Madonna als ein Werk Holbein d.J. Stolz berichtete er, dass „dieses Gemälde eine ganze Galerie aufwiege und dass es nicht nur das Hauptwerk Holbeins, sondern der Malerei überhaupt sei". Der Maler Tiepolo agierte als Vermittler. Obwohl Algarotti über viele Quellen die Authentizität und Provenienz des Bildes rekonstruierte, erwies es sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als eine Fälschung von Bartholomäus Sarburgh.
1896 besucht Sigmund Freud die Gemäldegalerie und betrachtet begeistert Holbeins Madonna. Zumindest glaubt er sie zu sehen, denn die Kunstwissenschaft war sich darüber einig, dass das Dresdner Gemälde nicht von Holbein selbst stammt.
Heute sind Holbeins Arbeiten - auch die Kopie - im Kontext der deutschen Malerei ausgestellt, neben Werken von Dürer, Hans Baldung Grien und Lucas Cranach.
Sie interessieren sich für Holbein und die deutsche Malerei? Auf unseren Führungen in der Gemäldegalerie erfahren Sie mehr...
Text...
Hans Holbein der Jüngere in Dresden: Porträtkunst, Madonnenruhm und der Beginn moderner Kunstgeschichte
Hans Holbein der Jüngere gehört zu den Künstlern, an denen sich die europäische Renaissance wie unter einem Brennglas betrachten lässt: Er war Augsburger Malersohn, Basler Bürger, Buchillustrator für den Humanismus, Porträtist der Reformation und schließlich Hofmaler im England Heinrichs VIII. In der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden verdichtet sich diese vielschichtige Biografie in zwei sehr unterschiedlichen Werken: im machtvollen Bildnis des französischen Gesandten Charles de Solier, Sieur de Morette, und in der Dresdner Kopie der sogenannten Darmstädter Madonna. Beide Bilder erzählen nicht nur von Holbeins Kunst, sondern auch von Diplomatie, Sammelleidenschaft, nationalem Kunststolz, wissenschaftlichem Streit und vom Wandel musealer Bedeutungen.
1. Leben und Wirken Hans Holbeins des Jüngeren: eine Chronologie
1497/98 wird Hans Holbein der Jüngere vermutlich in Augsburg geboren. Er wächst in einer bedeutenden Malerfamilie auf: Sein Vater Hans Holbein der Ältere ist ein angesehener Künstler, auch sein Bruder Ambrosius wird Maler. Die frühe Ausbildung erfolgt wahrscheinlich in der väterlichen Werkstatt, wo Holbein mit spätgotischer Tradition, präziser Zeichnung und der handwerklichen Disziplin des Tafelbildes vertraut wird.
1515 zieht Holbein mit seinem Bruder Ambrosius nach Basel, einer der wichtigsten Drucker- und Humanistenstädte nördlich der Alpen. Dort arbeitet er für Verleger wie Johann Froben und kommt mit dem Kreis um Erasmus von Rotterdam in Berührung. Die Buchillustration schult seinen Sinn für pointierte Erzählung, klare Linie und geistvolle Verdichtung.
1517 bis 1519 hält sich Holbein zeitweise in Luzern auf und übernimmt dekorative sowie repräsentative Aufgaben. In diesen Jahren erweitert sich sein künstlerisches Repertoire: Wandmalerei, Fassadenschmuck, religiöse Bilder und Porträts treten nebeneinander. Zugleich entwickelt er jene Fähigkeit, Personen mit psychologischer Schärfe und sozialer Präzision zu erfassen, die später seinen Ruhm begründen wird.
1519 heiratet Holbein Elsbeth Binsenstock, die Witwe eines Basler Gerbers, und wird in die Basler Malerzunft aufgenommen. 1520 erhält er das Basler Bürgerrecht. Die Verbindung mit Basel ist so stark, dass er sich auf einem späten Selbstbildnis selbst als Basler bezeichnet. In der Stadt entstehen Altarwerke, Wandmalereien, Entwürfe für Glasmalerei und Porträts humanistischer Gelehrter.
1523 porträtiert Holbein Erasmus von Rotterdam in mehreren Fassungen. Diese Bildnisse machen ihn über Basel hinaus bekannt, denn Erasmus nutzt Porträts als Mittel gelehrter Selbstinszenierung und als Geschenke für ein europäisches Netzwerk von Freunden und Mäzenen. Holbein lernt dabei, geistige Autorität ohne Pathos, allein durch Haltung, Blick und Gegenstände sichtbar zu machen.
1526 reist Holbein erstmals nach England. Empfehlungsbriefe aus dem Erasmus-Kreis öffnen ihm den Zugang zu Thomas Morus und zu humanistisch gebildeten Eliten in London. Zugleich erschüttert die Reformation den Markt für religiöse Kunst in Basel; England bietet neue Auftraggeber, neue politische Nähe und eine höfische Porträtkultur, die Holbein meisterhaft bedient.
1528 kehrt Holbein nach Basel zurück. In dieser Phase entstehen Werke wie das Familienbild mit seiner Frau und den älteren Kindern sowie wichtige religiöse und repräsentative Arbeiten. Doch die konfessionellen Umbrüche beschneiden die Möglichkeiten kirchlicher Kunst. Holbein reagiert darauf pragmatisch: Er orientiert sich stärker an Porträt, Zeichnung und Aufträgen internationaler Auftraggeber.
1532 lässt sich Holbein endgültig in London nieder. Er arbeitet zunächst für deutsche Kaufleute des Stahlhofs, dann zunehmend für den Hof. Seine Porträts verbinden minutiöse Oberflächenbeobachtung mit politischer Lesbarkeit: Stoffe, Pelze, Schmuck, Handschuhe, Bücher oder Waffen sind niemals bloße Dekoration, sondern Zeichen von Rang, Bildung, Amt und Selbstverständnis.
1533 entsteht in London das berühmte Doppelporträt Die Gesandten, heute in der National Gallery. Im selben Jahrzehnt porträtiert Holbein Diplomaten, Kaufleute, Höflinge und Mitglieder der königlichen Umgebung. Seine Kunst wird zum visuellen Instrument einer Zeit, in der Reformation, dynastische Politik und internationale Diplomatie eng ineinandergreifen.
1534/35 malt Holbein das Bildnis des Charles de Solier, Sieur de Morette, des französischen Gesandten am englischen Hof. Es gehört heute zu den Hauptwerken der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister. Um diese Zeit gewinnt Holbein die besondere Gunst Heinrichs VIII. und wird zum bevorzugten Maler der englischen Hofgesellschaft.
1536 wird Holbein als Hofmaler Heinrichs VIII. greifbar. Er entwirft Festdekorationen, Schmuck, Geräte, Bildnisse und propagandistische Repräsentationen. Seine Porträts des Königs und der königlichen Umgebung prägen bis heute das visuelle Gedächtnis der Tudorzeit.
1540 porträtiert Holbein unter anderem Anna von Kleve im Zusammenhang mit den Heiratsverhandlungen Heinrichs VIII. Das Beispiel zeigt, welche politische Funktion Porträts damals hatten: Sie konnten Nähe schaffen, Bündnisse vorbereiten, Erwartungen wecken und zugleich riskante Entscheidungen beeinflussen.
1543 stirbt Holbein in London, vermutlich während einer Pestepidemie. Sein Werk bleibt europäisch: Es verbindet Augsburger Werkstatttradition, Basler Humanismus, niederländische Detailkunst, italienische Renaissanceformen und die politische Bildkultur des Tudorhofes. Gerade deshalb wurde Holbein im 19. Jahrhundert zum Prüfstein deutscher Kunstgeschichte und nationaler Kunstdeutung.
2. Charles de Solier, Sieur de Morette: Diplomatie, Heinrich VIII. und der Weg nach Dresden
Das Dresdner Bildnis Charles de Solier, Sieur de Morette gehört zu den eindrucksvollsten Porträts Holbeins aus seiner Londoner Zeit. Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden datieren es auf 1534/35; es ist in Öl auf Eichenholz gemalt und misst 92,5 × 75,5 cm. Der Dargestellte war französischer Gesandter in England und bewegte sich damit in einem politisch hochsensiblen Umfeld: Am Hof Heinrichs VIII. entschieden sich in diesen Jahren Fragen von Ehepolitik, päpstlicher Autorität, englischer Kirchenpolitik und europäischem Bündnissystem.
Holbein zeigt Solier nicht als erzählende Figur, sondern als verdichtete Erscheinung von Rang und diplomatischer Selbstbeherrschung. Der dunkle, kostbare Pelz, die schwere goldene Kette, die Handschuhe, der Degen und der ruhige, frontale Blick formulieren eine Sprache höfischer Autorität. Alles ist präzise beobachtet und zugleich streng komponiert. Der Körper wirkt präsent, doch nicht theatralisch; die Macht des Bildes liegt in der kontrollierten Spannung zwischen Nähe und Distanz.
Der Auftrag steht im Zusammenhang mit Holbeins Tätigkeit im Umfeld Heinrichs VIII. Seit seiner Rückkehr nach London 1532 hatte Holbein rasch Zugang zu Kaufleuten, Diplomaten und höfischen Kreisen gewonnen. Für französische Gesandte war ein Porträt von Holbein mehr als ein Erinnerungsbild: Es war ein Zeichen politischer Präsenz am englischen Hof und zugleich ein Stück kultureller Diplomatie. Der Maler lieferte die ideale Form dafür, weil er Status, Charakter und internationale Eleganz in eine überzeugende Bildform brachte.
Wie das Porträt nach Dresden gelangte, ist Teil der langen Geschichte höfischer Sammlungen. Die Dresdner Galerie wurde im 18. Jahrhundert unter den sächsischen Kurfürsten und polnischen Königen zu einer der bedeutendsten Gemäldesammlungen Europas ausgebaut. Holbeins Solier-Porträt erhielt dort einen besonderen Rang, weil es die deutsche Malerei der Renaissance mit der höfischen Welt Englands und Frankreichs verband. Es ergänzte die berühmten italienischen Meister nicht durch Konkurrenz im Altarbild, sondern durch eine andere Stärke: die psychologisch und materiell überwältigende Kunst des Porträts.
Gerade in Dresden lässt sich daran Holbeins europäische Modernität ablesen. Das Bildnis ist weder bloß deutsches Nationalerbe noch bloß englisches Hofbild. Es ist ein Werk der Verflechtung: Ein in Augsburg geborener und in Basel geprägter Künstler malt in London einen französischen Diplomaten im Machtfeld Heinrichs VIII. Dass dieses Bild heute in Dresden hängt, macht die Gemäldegalerie zu einem Ort, an dem sich die Wege der Renaissancekultur sichtbar kreuzen.
3. Die Dresdner Kopie der Darmstädter Madonna und der Holbein-Streit
Die zweite große Dresdner Holbein-Geschichte führt nicht zu einem eigenhändigen Werk, sondern zu einer Kopie, deren Bedeutung gerade aus ihrem Irrtum erwuchs. Die sogenannte Darmstädter Madonna, auch Madonna des Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen genannt, wurde von Holbein 1526 in Basel begonnen und um 1528 vollendet. Sie zeigt Maria mit dem Kind, umgeben vom Basler Stifter Jakob Meyer, seiner Familie und weiteren Figuren. Das Bild ist zugleich Andachtsbild, Stifterbild und Glaubensbekenntnis in einer Stadt, in der sich die Reformation durchsetzte.
Das Dresdner Bild galt lange als Holbeins Original. Tatsächlich handelt es sich um eine Kopie nach dem Holbein-Gemälde, die im 17. Jahrhundert mit dem Maler Bartholomäus Sarburgh verbunden wird. Der entscheidende Vorgang liegt in der Provenienz: Als der Kunsthändler Christoph Le Blon im 17. Jahrhundert Zugriff auf das Holbein-Bild hatte, ließ er eine Kopie anfertigen; danach konnten Original und Kopie unter ähnlichem Namen in verschiedenen Sammlungen zirkulieren. Im 18. Jahrhundert wurde die Kopie für die sächsische Sammlung erworben und in Dresden als kostbares Werk Holbeins verehrt.
Der Holbein-Streit des 19. Jahrhunderts entzündete sich daran, dass neben dem Dresdner Bild ein weiteres, zunächst geringer geschätztes Madonnenbild existierte, das sich schließlich in Darmstadt befand. Kunsthistoriker, Museumsleute und Gelehrte fragten: Welches Bild ist das Original, welches die Kopie? Lange stützte man sich auf Ruhm, Tradition, ästhetisches Urteil und den Rang der Dresdner Galerie. Doch allmählich traten genauere Methoden hinzu: Vergleich der Malweise, Prüfung der Zeichnung, Betrachtung der Komposition, Untersuchung der Provenienz und direkte Gegenüberstellung der beiden Werke.
Den Wendepunkt brachte 1871 eine Dresdner Ausstellung, in der beide Madonnen nebeneinander präsentiert wurden. Während eines begleitenden Kongresses konnten führende Kunsthistoriker die Bilder unmittelbar vergleichen. Das Ergebnis war eindeutig: Die Darmstädter Madonna wurde als eigenhändiges Original Holbeins anerkannt, das Dresdner Bild als spätere Kopie. Damit verlor Dresden zwar einen vermeintlichen Holbein-Höhepunkt, gewann aber unbeabsichtigt einen Schlüsselgegenstand der Wissenschaftsgeschichte.
Die Bedeutung dieser Auseinandersetzung reicht weit über die Frage der Zuschreibung hinaus. Der Dresdner Holbein-Streit gilt als ein Moment, in dem sich die Kunstgeschichte von einer eher literarischen, gefühlsbetonten und autoritätsgläubigen Betrachtung zu einer methodisch argumentierenden Disziplin entwickelte. Nicht mehr allein der Ruhm eines Museums, die Schönheit eines Bildes oder die Überlieferung sollten entscheiden, sondern überprüfbare Beobachtungen, Vergleich, Quellenkritik und die Bereitschaft, liebgewonnene Gewissheiten zu revidieren.
Interessant ist auch, dass der Streit die Grenzen reiner Kennerschaft sichtbar machte. Neben dem Auge des Experten wurden historische Dokumente, Besitzgeschichten und öffentliche Ausstellungen wichtig. Sogar Versuche, Publikumsurteile systematisch zu sammeln, wie sie Gustav Theodor Fechner unternahm, zeigen, dass der Streit an der Schwelle zu neuen Formen empirischer Kunstbetrachtung stand. Die Dresdner Kopie wurde dadurch nicht bedeutungslos; sie wurde zum Beleg dafür, wie Kunstgeschichte lernt, zwischen Verehrung und Erkenntnis zu unterscheiden.
4. Vom Ruhm der „deutschen Madonna“ zum musealen Bedeutungsverlust: Rezeption im 19. und 20. Jahrhundert
Vor dem Holbein-Streit besaß die Dresdner Madonna eine kaum zu überschätzende symbolische Kraft. In der Gemäldegalerie stand sie als berühmte „deutsche Madonna“ dem Glanz der italienischen Schule gegenüber. Besonders im 19. Jahrhundert, als nationale Kunstgeschichten formuliert und große Museen als Bildungsorte inszeniert wurden, bot sich die Gegenüberstellung mit Raffaels Sixtinischer Madonna an. Raffael verkörperte das Ideal italienischer Schönheit, Holbein sollte als nördlicher, deutscher Gegenpol erscheinen: ernst, wahrhaftig, fromm und charaktervoll.
Diese Deutung war nicht nur kunsthistorisch, sondern kulturell und politisch aufgeladen. Die Dresdner Galerie konnte mit der angeblichen Holbein-Madonna behaupten, neben der italienischen Hochrenaissance auch ein gleichrangiges Meisterwerk deutscher Malerei zu besitzen. Holbein wurde dadurch zeitweise in eine Rolle gedrängt, die sonst häufig Albrecht Dürer zugeschrieben wurde: Er erschien als der große nationale Künstler, der den Norden auf Augenhöhe mit Italien führte.
Nach 1871 änderte sich diese Ordnung grundlegend. Die Erkenntnis, dass das Dresdner Bild nicht das Original war, beschädigte nicht nur eine Zuschreibung, sondern einen ganzen Bedeutungsraum. Was zuvor als nationales Hauptwerk gefeiert worden war, wurde nun zur Kopie. Die Aura verschob sich zum Darmstädter Original, während das Dresdner Bild im Rang sank. Der Verlust war umso schmerzlicher, weil er öffentlich, wissenschaftlich und im Herzen der Dresdner Sammlung vollzogen wurde.
Im späten 19. Jahrhundert blieb die Geschichte dennoch präsent. Kunsthistorische Literatur, Galerieführer und Debatten erinnerten an die einstige Berühmtheit des Bildes und an den Streit, der seinen Status veränderte. Die Dresdner Kopie wurde nun weniger als Andachts- oder Nationalbild betrachtet, sondern als Dokument einer berühmten Zuschreibungsgeschichte. Ihr Wert lag zunehmend im Erzählen: Sie bewahrte die Erinnerung an frühere Sammlungspraktiken, an den Geschmack des 18. Jahrhunderts und an die Entstehung wissenschaftlicher Kunstkritik.
Im 20. Jahrhundert verstärkte sich diese Verschiebung. Moderne Kunstgeschichte interessierte sich immer stärker für Authentizität, Werkprozess, technische Untersuchung und Provenienz. Kopien wurden lange geringer bewertet, auch wenn sie für die Geschichte des Sammelns und Sehens außerordentlich wichtig sind. Die Dresdner Madonna trat deshalb hinter das Solier-Porträt und andere unbestrittene Meisterwerke zurück. Ihr früherer Ruhm blieb wie ein Schatten sichtbar, doch er bestimmte nicht mehr die Hierarchie der Galerie.
Heute lässt sich der Bedeutungsverlust differenzierter verstehen. Die Dresdner Kopie ist nicht einfach ein entthrontes Bild, sondern ein vielschichtiges Museumsobjekt. Sie zeigt, wie Kopien Originale verbreiten, wie Sammlungen Ruhm erzeugen, wie nationale Erwartungen Kunsturteile prägen und wie wissenschaftliche Methoden solche Erwartungen korrigieren können. Gerade als Gegenstück zur Sixtinischen Madonna verlor sie ihren alten Anspruch; gerade dadurch gewann sie eine neue Rolle als Zeugnis der Rezeptionsgeschichte.
So stehen Holbeins Dresdner Spuren für zwei Seiten derselben Kunstgeschichte. Das Porträt des Charles de Solier zeigt Holbein als souveränen Meister europäischer Hofkultur. Die Kopie der Darmstädter Madonna zeigt, wie ein Bild durch Zuschreibung, Verehrung und Streit Bedeutung gewinnt und verliert. Zusammen machen sie Dresden zu einem Ort, an dem man Holbein nicht nur anschauen, sondern die Geschichte des Sehens selbst studieren kann.
Quellen- und Recherchehinweis
Der Artikel stützt sich auf die Online Collection der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zum Bildnis Charles de Solier, auf kunsthistorische Darstellungen zu Holbeins Biografie, zur Darmstädter Madonna und zum Dresdner Holbein-Streit sowie auf Rezeptionsberichte zur Stellung der Dresdner Madonna im 19. und 20. Jahrhundert.
Bildrechte