Raffael aus Urbino, Lieblingsmaler der Päpste, Genie der Renaissance und Objekt der Sammlerbegierde. Wer einen Raffael besaß,... August III., sächsischer Kurfürst und polnischer König, gelang das Unmögliche: er erwarb die Sixtinische Madonna und damit den größten Raffael außerhalb Italiens.

Raffael in Zahlen
1483
Raffael wird in Urbino geboren. Perugino wird sein erster Lehrmeister.
1504
Raffael zieht nach Florenz...
1508
Raffael lebt in Rom. Er gestaltet... Es entsteht die Sixtinische Madonna.
1514
Raffael wird Nachfolger von Bramante und leitet den Bau des Peterdoms.
1520
Raffael stirbt und wird im Pantheon in Rom begraben.
Florenz und Rom
1508 berief Papst Julius II. den jungen Künstler nach Rom. Dort begann Raffael mit der Ausmalung der päpstlichen Gemächer im Vatikan, der später sogenannten Stanzen. In der Stanza della Segnatura entstanden zwischen 1509 und 1511 Hauptwerke wie die „Disputa“ und die „Schule von Athen“, mit denen Raffael zum führenden Maler des päpstlichen Hofes und zu einem zentralen Vertreter der Hochrenaissance wurde. In den folgenden Jahren schuf er bedeutende Altarbilder, darunter 1512/13 die „Sixtinische Madonna“ für San Sisto in Piacenza.
Nach dem Tod Bramantes 1514 übernahm Raffael auch wichtige architektonische Aufgaben in Rom, unter anderem im Zusammenhang mit dem Petersdom. Zugleich leitete er eine große Werkstatt, entwarf Kartons für Tapisserien der Sixtinischen Kapelle und war an den vatikanischen Loggien beteiligt. In diesen späten Jahren zeigte sich Raffael nicht nur als Maler, sondern auch als Architekt, Entwerfer und Organisator eines weitreichenden künstlerischen Betriebs. Bis zuletzt arbeitete er an der „Transfiguration“, seinem letzten großen Altarbild, das bei seinem Tod noch nicht vollständig abgeschlossen war.
Selbstporträt Raffael, Kupferstich von Paulus Pontius (Rijksmuseum Amsterdam, RP-P-OB-33.311)
Raffael in Piacenza
Die „Sixtinische Madonna“ entstand 1512/13 als Ölgemälde auf Leinwand für den Hochaltar der Benediktinerklosterkirche San Sisto in Piacenza. Auftraggeber war Papst Julius II., Giuliano della Rovere, einer der machtbewusstesten Päpste der Renaissance. Die Wahl des heiligen Sixtus war mehr als Frömmigkeit: Sie erinnerte an Papst Sixtus IV., den Onkel Julius’ II., und damit an die Familie della Rovere, deren Wappenmotiv, die Eiche, im Bild in der päpstlichen Tiara und im Gewand des Heiligen anklingt. Das Werk war also zugleich Altarbild, dynastische Erinnerung und päpstliches Herrschaftszeichen.
Der politische Hintergrund führt nach Oberitalien. Piacenza lag in einem umkämpften Raum zwischen französischen Interessen, lokalen Mächten und dem Kirchenstaat. 1512 wurde die Stadt nach dem Rückzug beziehungsweise der Niederlage französischer Kräfte wieder dem päpstlichen Herrschaftsbereich zugeschlagen. Julius II. verstand Kunst als sichtbare Machtpolitik: Wie in Rom die Stanzen und der Neubau von St. Peter den Anspruch des Papsttums vor Augen führten, so sollte die „Sixtinische Madonna“ in Piacenza die Rückkehr der Stadt unter kirchliche Ordnung sakral überhöhen. Piacenza selbst war eine strategisch bedeutende Stadt am Po, nahe den großen Verkehrs- und Handelsachsen der Lombardei; gerade deshalb war ihre Loyalität politisch wertvoll.
Papst Julius II. (links). Blick in das Mittelschiff von San Sisto in Piacenza.
Die Sixtinische Madonna
Als Hochaltarbild war die „Sixtinische Madonna“ geschaffen, öffnet Raffael den Bildraum wie ein Fenster: Links und rechts werden grüne Vorhänge zurückgezogen, dahinter erscheint kein irdischer Ort, sondern eine Wolkenwelt voller kaum sichtbarer Engelsköpfe. Maria tritt mit dem Christuskind aus dieser überirdischen Sphäre hervor und bewegt sich zugleich auf den Betrachter zu. Damit verbindet Raffael das Geheimnis der Inkarnation – Gott wird Mensch – mit der Messe, die vor dem Altar gefeiert wurde. Das Bild konnte so als sichtbare Antwort auf das eucharistische Geschehen verstanden werden.
Die beiden flankierenden Heiligen knüpfen das himmlische Ereignis an die Kirche San Sisto. Links kniet der heilige Sixtus, Titularheiliger des Klosters, der mit ausgestreckter Hand offenbar auf die Gemeinde oder den Altarraum verweist. Rechts erscheint die heilige Barbara, deren Reliquien in der Kirche verehrt wurden. Unten lehnen die zwei berühmten Putten an einer Brüstung, die wie eine Schwelle zwischen Bild und realem Kirchenraum wirkt. Formal ist die Komposition von großer Einfachheit: Maria, Kind und Heilige bilden ein aufsteigendes Dreieck, während Vorhang, Brüstung und Blickachsen den Altarraum in die Bildhandlung einbeziehen. Das Gemälde ist daher nicht bloß Schmuck des Altars, sondern ein Bild, das den Altar theologisch deutet.
Von Piacenza nach Dresden
Fast zweieinhalb Jahrhunderte blieb die „Sixtinische Madonna“ in Piacenza relativ verborgen. Erst im 18. Jahrhundert wurde sie durch die Sammelleidenschaft des sächsisch-polnischen Hofes zu einem europäischen Ereignis. August III., Kurfürst von Sachsen und König von Polen, wollte seine Dresdner Galerie zu einer Sammlung ersten Ranges ausbauen. Nachdem andere Raffael-Erwerbungen nicht gelungen waren, bot sich in Piacenza eine Gelegenheit: Die Benediktiner von San Sisto waren bereit, das Bild zu verkaufen, um Mittel für ihr Kloster zu gewinnen.
Die Verhandlungen zogen sich über rund zwei Jahre hin und mussten kirchenrechtlich sowie politisch abgesichert werden; Papst Benedikt XIV. und der Herzog von Parma stimmten schließlich zu. 1754 gelangte das Gemälde nach Dresden. Der Preis war enorm – in der Forschung werden hohe Summen wie 25.000 Scudi oder vergleichbare Werte genannt – und unterstrich den Rang des Werkes. Eine berühmte Anekdote berichtet, August III. habe bei der Ankunft des Bildes seinen Thron beiseiteschieben lassen und ausgerufen: „Platz für den großen Raffael!“ Ob wörtlich historisch oder später ausgeschmückt, die Szene bringt die neue Rolle des Bildes auf den Punkt: Aus dem Altarbild einer Klosterkirche wurde das zentrale Prestigeobjekt einer fürstlichen Galerie.
In Dresden wurde Raffaels Altar schnell zum Höhepunkt einer ohnehin schon großartigen Kunstsammlung. Mengs, Winckelmann und Goethe sind nur einige prominente Bewunderer.
1855 zieht die Sammlung in die von Gottfried Semper entworfene Gemäldegalerie um. Raffaels Sixtinische Madonna wurde ein eigener Raum zugewiesen... Schon der Treppenaufgang verweist auf die Bedeutung Raffaels in einer Skulptur von Hähnel. Im zentralen Oktogon befindet sich heute eine Kopie von Raffaels Hl. Katharina. Sie erinnert daran. dass in diesem Raum die berühmten Teppiche Raffaels ausgestellt waren...
Seit 2020 befindet sich Raffaels Sixtinische Madonna in einem großen Saal der Gemäldegalerie mit anderen italienischen Meisterwerken von Correggio und...
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Raffaels „Sixtinische Madonna“ in Dresden: Geschichte, Bildidee und Nachleben eines Meisterwerks
1508 berief Papst Julius II. den jungen Künstler nach Rom. Dort begann Raffael mit der Ausmalung der päpstlichen Gemächer im Vatikan, der später sogenannten Stanzen. In der Stanza della Segnatura entstanden zwischen 1509 und 1511 Hauptwerke wie die „Disputa“ und die „Schule von Athen“, mit denen Raffael zum führenden Maler des päpstlichen Hofes und zu einem zentralen Vertreter der Hochrenaissance wurde. In den folgenden Jahren schuf er bedeutende Altarbilder, darunter 1512/13 die „Sixtinische Madonna“ für San Sisto in Piacenza.
Nach dem Tod Bramantes 1514 übernahm Raffael auch wichtige architektonische Aufgaben in Rom, unter anderem im Zusammenhang mit dem Petersdom. Zugleich leitete er eine große Werkstatt, entwarf Kartons für Tapisserien der Sixtinischen Kapelle und war an den vatikanischen Loggien beteiligt. In diesen späten Jahren zeigte sich Raffael nicht nur als Maler, sondern auch als Architekt, Entwerfer und Organisator eines weitreichenden künstlerischen Betriebs. Bis zuletzt arbeitete er an der „Transfiguration“, seinem letzten großen Altarbild, das bei seinem Tod noch nicht vollständig abgeschlossen war.
Am 6. April 1520 starb Raffael in Rom im Alter von nur 37 Jahren. Er wurde im Pantheon beigesetzt, was seinen außerordentlichen Rang bereits für die Zeitgenossen sichtbar machte. Unmittelbar nach seinem Tod galt er als Inbegriff der harmonischen Kunst der Hochrenaissance: als Künstler, der Schönheit, Maß, religiöse Bedeutung und menschliche Anmut in besonderer Weise miteinander verband.
Die „Sixtinische Madonna“ entstand 1512/13 für den Hochaltar der Benediktinerklosterkirche San Sisto in Piacenza. Auftraggeber war Papst Julius II., Giuliano della Rovere, einer der machtbewusstesten Päpste der Renaissance.
Der politische Hintergrund führt nach Oberitalien. Piacenza lag in einem umkämpften Raum zwischen französischen Interessen, lokalen Mächten und dem Kirchenstaat. 1512 wurde die Stadt nach dem Rückzug beziehungsweise der Niederlage französischer Kräfte wieder dem päpstlichen Herrschaftsbereich zugeschlagen. Julius II. verstand Kunst als sichtbare Machtpolitik.
Als Altarbild wurde die „Sixtinische Madonna“ nicht für die stille Betrachtung in einem Museum geschaffen, sondern für einen liturgischen Raum. Raffael öffnet den Bildraum wie ein Fenster: Links und rechts werden grüne Vorhänge zurückgezogen, dahinter erscheint kein irdischer Ort, sondern eine Wolkenwelt voller kaum sichtbarer Engelsköpfe. Maria tritt mit dem Christuskind aus dieser überirdischen Sphäre hervor und bewegt sich zugleich auf den Betrachter zu. Damit verbindet Raffael das Geheimnis der Inkarnation – Gott wird Mensch – mit der Messe, die vor dem Altar gefeiert wurde.
Die beiden flankierenden Heiligen knüpfen das himmlische Ereignis an die Kirche San Sisto. Links kniet der heilige Sixtus, Titularheiliger des Klosters, der mit ausgestreckter Hand offenbar auf die Gemeinde oder den Altarraum verweist. Rechts erscheint die heilige Barbara, deren Reliquien in der Kirche verehrt wurden. Unten lehnen die zwei berühmten Putten an einer Brüstung, die wie eine Schwelle zwischen Bild und realem Kirchenraum wirkt.
Fast zweieinhalb Jahrhunderte blieb die „Sixtinische Madonna“ in Piacenza und damit weitgehend unbekannt. Dies veränderte sich erst im 18. Jahrhundert, als sie von August III. für seine Dresdner Sammlung erworben wurde. Die Kaufverhandlungen zogen sich über rund zwei Jahre hin, bis Raffaels Altar 1754 nach Dresden gelangte. Eine berühmte Anekdote berichtet, August III. habe bei der Ankunft des Bildes seinen Thron beiseiteschieben lassen und ausgerufen: „Platz für den großen Raffael!“ Aus dem Altarbild einer Klosterkirche wurde das Prestigeobjekt einer fürstlichen Galerie.
In Dresden begann die eigentliche Weltkarriere der „Sixtinischen Madonna“. Johann Joachim Winckelmann sah in Raffaels Kunst jene Verbindung aus Schönheit, Maß und innerer Größe, die er auch an der Antike bewunderte. Sein berühmtes Ideal der „edlen Einfalt und stillen Größe“ wurde zwar an griechischer Skulptur entwickelt, aber gerade die Dresdner Raffael-Verehrung ließ die „Sixtinische Madonna“ als malerisches Gegenbild antiker Vollkommenheit erscheinen. Winckelmanns Blick trug dazu bei, das Werk nicht nur religiös, sondern kunsttheoretisch zu lesen.
Im 19. und 20. Jahrhundert veränderte sich die Rezeption nochmals. Die beiden Putten am unteren Bildrand lösten sich aus dem sakralen Zusammenhang und wurden zu einem der am häufigsten reproduzierten Motive der Kunstgeschichte – auf Postkarten, Porzellan, Werbung und Alltagsgegenständen. Das Bild selbst überstand Kriege, Auslagerungen und politische Vereinnahmungen: Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es nach Moskau und kehrte 1955/56 nach Dresden zurück. Heute hängt die „Sixtinische Madonna“ in der Gemäldegalerie Alte Meister neben anderen Meisterwerken der italienischen Malerei, darunter die berühmte „Heilige Nacht“ von Correggio.