Vor 150 Jahren war Vermeer  fast vergessen, heute ist er ein Weltstar der Kunst. Die Gemäldegalerie besitzt zwei seiner seltenen Gemälde, die die Besucher bis heute in ihren Bann ziehen.

Vermeers Leben

1632

Am 31.10.1632 wird Vermeer in Delft getauft. 

1653

Er wird Meister in der Lukasgilde. In den folgenden 25 Jahren erschafft er ca. 40 Gemälde.

1653

Er heiratet Catharina Bolnes. Aus der Ehe gehen 15 Kinder hervor.

1675

Vermeer stirbt verarmt und wird in der Oude Kerk in Delft begraben.

1676

Vermeers Witwe bittet um finanzielle Unterstützung für sich und ihre 11 Kinder.

Bild: Vermeer, Die Ansicht von Delft. Mauritshuis, Den Haag.

Die Entdeckung Vermeers

Staunend stand der französische Schriftsteller und Kunstkritiker, Théophile Thoré (1807-1869), vor Vermeers "Ansicht von Delft" in Den Haag und fragt sich, wer wohl dieser Künstler sei, der etwas so Großartiges geschaffen hat und doch unbekannt geblieben ist. Er widmet sich intensiv der Erforschung des holländischen Malers, sammelt Archivalien und reist durch Europa, um seine Werke ausfindig zu machen. Dabei kommt er auch nach Dresden, wo er die "Kupplerin" als das erste signierten und datierte Gemälde Vermeers entdeckt. Damit war ein wichtiger Schritt in Richtung einer Chronologie seines Werkes getan. Er veröffentlicht seine Erkenntnisse in mehreren Aufsätzen, holt den Künstler aus dem Vergessen und schafft die Grundlage für seinen späten Ruhm.

Théophile Thoré (1807-1896)

Aufstieg zum Superstar

1866

Thoré-Bürger veröffentlicht seine ersten Artikel über Vermeer.

1935

In Rotterdam und Amsterdam finden findet die erste monografische Ausstellung über Vermeer statt.

1997

Die große Vermeer-Ausstellung im Mauritshuis (Den Haag) zieht 440.000 Besucher an.

2004

Bei Sotheby's wird Vermeers "Junge Frau am Verginal" für ca. 25 Millionen Euro versteigert. Es befindet sich heute in der Leiden Collection, New York.

2023

Das Rijksmuseum in Amsterdam organisiert eine Vermeer-Ausstellung, die von rund 650.000 Menschen besucht wird.

Die Anfänge

1653 wird Vermeer als Meister in der Lukas-Gilde in Delft aufgenommen. Er darf nun seine Gemälde vor Ort verkaufen und selbst Gesellen ausbilden. 

Vermeer beginnt seine Karriere mit großen Ambitionen und widmet sich solchen Themen, mit denen man als Maler zu "Ehre, Ruhm und Geld" kommen konnte: der Religion und der Mythologie. Er schuf Bilder wie "Das Bad der Diana" (Den Haag, Mauritshuis) und "Christus bei Maria und Martha" (Edinburgh, National Gallery of Scottland).

Das Dresdner Bild "Die Kupplerin" ist das erste signierte und datierte Gemälde Vermeers. Er schuf es in dieser frühen Phase im Jahre 1656. Wie seine ersten Bilder ist es großformatig und vielfigurig. Vermeer bindet die Figuren in einer geschickten Komposition zusammen und lenkt den Blick des Betrachters auf den unterschiedlichen Ausdruck der Gesichter: ob betrunken, saturiert, gierig oder hinterlistig.

In der Darstellung der Emotionen erweist er sich als genauer Beobachter menschlicher Reaktionen und folgt damit dem Vorbild der großen Historienmaler wie Rembrandt und Rubens.

Vermeer, Die Kupplerin,  signiert und datiert, 1656.

Die Kupplerin

Vermeer lässt keinen Zweifel an der Motivation und dem Ziel der Handlung: der Mann bezahlt eine Frau, die Frau hält mit lächelndem Blick die Hand auf, und eine ältere Frau verfolgt mit großem Interesse das Geschehen. Wir erleben einen Moment in einem Bordell. Doch was macht der Mann links? Hier sitzt ein Musiker, der uns mit betrunkenem Blick zuprostet. Nun ist der Betrachter des Bildes selbst im Blick und wird ein Teil des Geschehens. Wie wird - oder - wie soll er darauf reagieren?

Ein Selbstporträt?

Wir wüssten gerne, wie Vermeer ausgesehen hat.  Vielleicht blicken wir beim fröhlich trinkenden Musiker in sein Gesicht? Die Darstellung ähnelt dem Maler in Vermeers "Die Allegorie der Malerei" (Wien, Kunsthistorisches Museum), dessen Gesicht dem Betrachter allerdings verborgen bleibt.

Vermeer wird Vermeer

Die Kupplerin steht am Ende der frühen Phase in Vermeers Karriere. Im Anschluss orientiert er sich völlig neu und schafft nun solche Werke, für die er heute berühmt ist. Stille Ansichten von bürgerlichen Innenräumen, in denen sich ein oder zwei Figuren (meist Frauen)  befinden und mit dem Lesen eines Briefes oder Musizieren beschäftigt sind. Häufig tauchen immer wieder dieselben Gegenstände auf, wie ein Stuhl mit Löwenköpfen oder ein türkischer Teppich auf einem Tisch. 

Das erste dieser Gemälde ist das Dresdner "Brieflesendes Mädchen vor einem geöffneten Fenster". Nur etwa zwei Jahre nach der "Kupplerin" entstanden, offenbart es die Radikalität, mit der Vermeer seine Malerei neu erfindet.

Der Liebesbrief

Eine junge Frau liest mit konzentriertem Blick einen Brief, ihr Gesicht spiegelt sich auf dem geöffneten Fenster. Dahinter ein Gemälde mit einem Amor an der Wand, davor ein Tisch mit einem Teppich und einer Obstschale, aus der Früchte herausrollen. Vermeer erzählt eine Geschichte, aber nicht über eine Handlung wie in seiner "Kupplerin", sondern über Gegenstände. Was haben sie miteinander zu tun? Was mag in dem Brief stehen?  Das Bild stellt Fragen und macht Andeutungen, ohne sie vollständig aufzulösen.

Vermeer, Brieflesendes Mädchen am Fenster. um 1657-59.

Die Welt zu Hause

Vermeer stellt die bürgerliche Welt der Niederlande in den Mittelpunkt seiner Kunst und begeistert durch die zahlreichen Details. 

Diese Häuslichkeit spiegelt das Verhältnis der Holländer zur Welt wider und zeigt den Reichtum der niederländischen Bürger.

Was er nicht zeigt, sind die rauen Methoden, mit denen die Niederlande erfolgreich wurde: Verklavung von Afrikanern für die Zucker-Plantagen in Amerika, Ausbeutung indigener Menschen in Indonesien, Piraterie und Kriege .

Das Holz für den Bilderrahmen stammt aus Südamerika, der Teppich aus der Türkei, das Porzellan aus China. Seidenstoffe konnten aus Asien importiert oder in Europa produziert werden. 

Der verschwundene Amor

250 Jahre lang kannte man das Gemälde in Dresden wie auf dem Foto links: ohne Amor. Bis seine Existenz durch ein Röntgenbild entdeckt wurde. Aber erst während einer Restaurierung wurde festgestellt, dass der Amor nicht von Vermeer, sondern einem späteren Maler übermalt wurde. Seit 2021 ist der verschwundene Amor wieder zu sehen und das Gemälde so zu betrachten, wie es Vermeer gedacht hat.

Vermeers Ende

1676 stirbt Vermeer. Er hinterließ eine Witwe, 11 Kinder und hohe Schulden. In etwa 25 Jahren schuf er wahrscheinlich nicht mehr als 40 bis 45 Gemälde, von denen rund 35 erhalten sind. Seine Witwe bittet die Stadt um finanzielle Unterstützung, da Vermeer wegen des Krieges mit Frankreich 1672 keine Bilder mehr verkaufen konnte.

Vermeers Schicksal ähnelt dem anderer holländischer Maler. Auch Rembrandt, Frans Hals, Jan Steen oder Paulus Potter starben verarmt. Das "Goldene Zeitalter" der niederländischen Malerei bot großes Potenzial in alle Richtungen, nach oben und nach unten.

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