Mann in Frauenkleidern

Im Dresdner Residenzschloss hat sich mit dem Festgewand der „Königin Semiramis“ ein außergewöhnliches Zeugnis höfischer Festkultur des 17. Jahrhunderts erhalten. Das Kostüm gehört zu den seltenen originalen Kleidungsstücken dieser Zeit und ist deshalb nicht nur kunsthandwerklich kostbar, sondern auch kulturhistorisch von besonderem Rang. Es verweist auf eine Welt, in der Politik, Repräsentation, Theater und Zeremoniell eng miteinander verbunden waren. Heute wird das Gewand in den Sammlungen der Rüstkammer als herausragendes Beispiel barocker Hofkultur bewahrt.[Residenzschloss Dresden]()[Staatliche Kunstsammlungen Dresden]() 

Bei dem Dresdner Stück handelt es sich nach den überlieferten Bezeichnungen um ein Turnier- oder Festkostüm „Semiramis“, das in die Jahre 1672/1678 datiert wird. Die Benennung verweist auf Semiramis, die aus der europäischen Überlieferung als sagenhafte assyrische Herrscherin bekannt war. Solche Figuren aus Antike, Mythologie oder exotisch gedachten Reichen waren am Barockhof besonders beliebt, weil sie Macht, Glanz und Fremdartigkeit auf eindrucksvolle Weise verkörperten. Das Gewand war also kein Alltagskleid einer Fürstin, sondern ein bewusst inszeniertes Rollen- und Repräsentationskostüm für höfische Festveranstaltungen.[Semiramis]() 

Nach heutigem Forschungsstand ist entscheidend: Das Gewand wurde sehr wahrscheinlich nicht von einer Frau getragen, sondern von einem Mann, der im Rahmen eines höfischen Festes oder eines theatralen Aufzugs die Rolle der Königin Semiramis verkörperte. Genau diese Praxis erscheint aus heutiger Sicht überraschend, war im 17. Jahrhundert jedoch keineswegs ungewöhnlich. In höfischen Maskeraden, Balletten, Aufzügen und frühen Opern übernahmen Männer häufig weibliche Rollen. Das hatte mehrere Gründe: Zum einen waren Frauen an vielen Bühnen- und Hofformen zunächst gar nicht oder nur eingeschränkt beteiligt. Zum anderen gehörte das Spiel mit Verwandlung, Verkleidung und Rollentausch zum Kern der barocken Festkultur. Kostümierung bedeutete nicht bloß Unterhaltung, sondern demonstrierte Bildung, Rang, Fantasie und die Fähigkeit, politische oder mythologische Programme sichtbar zu machen.[Das verkleidete Geschlecht]() 

Gerade darin liegt die besondere Bedeutung des Semiramis-Gewandes im Dresdner Schloss: Es ist nicht nur ein prachtvolles Kleidungsstück, sondern ein seltenes Dokument barocker Inszenierungskunst. Es erzählt von einem Hof, an dem Feste politische Botschaften vermittelten, antike und exotische Herrscherfiguren zu Trägern von Machtfantasien wurden und Geschlechterrollen auf der Bühne anders funktionierten als im heutigen Verständnis. Das Gewand macht somit anschaulich, wie sehr Kleidung im 17. Jahrhundert Teil eines großen höfischen Theaters war – eines Theaters, in dem Schein, Symbolik und Herrschaft untrennbar zusammengehörten.[Masken und Kronen]()[Residenzschloss Dresden]()