Von Grönland nach Sachsen

Umgeben von Objekten aus Elfenbein, Bergkristall Porzellan, kann man das kleine, unscheinbare Beil in der Dresdner Kunstkammer leicht übersehen. Dabei gehört es zu den ältesten dokumentierten Zeugnissen der Inuit-Kultur in Grönland. 

Es steht für das handwerkliche Wissen und die alltägliche Überlebenspraxis in der Arktis, aber auch für die frühe Vernetzung der Welt. Als Museumsstück erzählt das Beil deshalb zwei Geschichten zugleich: die seiner Herkunftsgesellschaft und die seiner späteren Aneignung, Sammlung und Deutung in Europa. 

Christian... 

Wie genau dieses Beil nach Dresden gelangte, ist ohne die konkrete Inventar- und Provenienzforschung zum einzelnen Stück nicht in allen Einzelheiten sicher zu sagen. Historisch plausibel ist jedoch, dass es über dänische Netzwerke nach Sachsen kam. Grönland wurde seit dem frühen 18. Jahrhundert von Dänemark-Norwegen kolonial in Besitz genommen; Mission, Handel und Verwaltung schufen Verbindungen, über die auch Gegenstände aus Inuit-Gesellschaften nach Kopenhagen und von dort in andere europäische Sammlungen gelangten. Fürstliche Kunst- und Wunderkammern wie die in Dresden waren an solchen Objekten besonders interessiert, weil sie als Zeugnisse einer vermeintlich „fremden Welt“ galten und den Anspruch der Höfe unterstrichen, die Welt in ihren Sammlungen symbolisch zu versammeln. Dass ein Inuit-Beil schließlich in Sachsen auftauchte, verweist also auf ein Geflecht aus Diplomatie, Gelehrsamkeit, Sammelleidenschaft und kolonial gestützten Austauschbeziehungen. 

Gerade deshalb ist das Beil mehr als ein ethnografisches Exponat. Es macht sichtbar, dass Sachsen – auch ohne eigene Kolonien – international vernetzt war und so vom beginnenden Kolonialismus profitierte. Dänemark kontrollierte den Zugang zu Grönland und damit auch die Wege, auf denen Objekte, Informationen und Vorstellungen über die Inuit nach Europa gelangten. Sachsen wiederum war als höfische Sammlungs- und Gelehrtenkultur bereit, solche Dinge aufzunehmen, auszustellen und in seine eigenen Erzählungen von Weltläufigkeit und Herrschaft einzubauen. Das Inuit-Beil erzählt daher von einer asymmetrischen Beziehung: von der Selbstbehauptung und dem Können der Inuit einerseits und von einem europäischen Blick andererseits, der außereuropäische Dinge sammelte, ordnete und oft aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang löste.  

Heute kann ein solches Objekt helfen, diese verflochtene Geschichte genauer und kritischer zu lesen – nicht als exotische Randnotiz, sondern als Teil der europäischen und sächsischen Vergangenheit.